Kinder ohne Deutschkenntnisse in der Grundschule: Was tun?
Sorgen Sie in den ersten Wochen für Orientierung, Zugehörigkeit und Sprache ohne Druck. Ein bebilderter Tagesplan, feste Rituale, ein Pate und ein ruhiger Platz helfen mehr als Vokabellisten. Sprechen Sie langsam in kurzen, ganzen Sätzen und zeigen Sie dabei. Lassen Sie anfängliches Schweigen zu, fragen Sie das Kind nicht nach der Flucht und messen Sie Fortschritte am Kind selbst.
Was braucht das Kind in den ersten Tagen?
Ein Kind, das neu und ohne ein Wort Deutsch in die Klasse kommt, braucht zuerst verständliche Abläufe, Zugehörigkeit und jemanden, der ihm zeigt, wie hier alles geht. Manche Kinder sind dabei stark verunsichert: Sie schauen zur Tür, zucken beim Klingeln zusammen, nehmen die Stifte nicht in die Hand. Das ist kein Trotz und keine Begriffsstutzigkeit. Andere kommen neugierig an und legen schnell los. Sicherheit, Sprache und passende Lernangebote gehören deshalb von Anfang an zusammen. Bei einem verunsicherten Kind hat das Ankommen in den ersten Wochen Vorrang vor Leistung.
Begrüßen Sie mit dem Körper. Ein Lächeln, eine offene Hand, ein ruhiges Tempo, auf Augenhöhe daneben statt frontal davor. Sagen Sie trotzdem etwas, denn der Tonfall ist die eigentliche Botschaft: „Hallo, Amir. Ich bin Frau Keller. Du bist hier richtig.“ Zeigen Sie auf sich, dann auf seinen Platz. Lernen Sie ein einziges Wort in seiner Sprache, etwa „Hallo“. Falsch ausgesprochen ist es immer noch ein Zeichen: Ich sehe dich.
Manche Kinder erwidern wochenlang nichts, kein Lächeln, keinen Blick. Werten Sie das nicht als Ablehnung und drängen Sie nicht. Bleiben Sie freundlich und jeden Tag gleich. Sie säen gerade, geerntet wird später. Wichtig ist nur, dass das Kind jeden Morgen dieselbe ruhige Erwachsene vorfindet, denselben Platz und denselben Ablauf. Das ist in diesen Wochen mehr wert als jede Übung.
Wie machen Sie den Schultag ohne Worte verständlich?
Nichts beruhigt ein verunsichertes Kind so sehr wie Wiederholung. Wenn es nach drei Tagen weiß, wo seine Jacke hängt, wann gegessen wird und was nach dem Klingeln kommt, kann es sich entspannen. Diese Werkzeuge kosten wenig und brauchen keine gemeinsame Sprache:
- Ein bebilderter Tagesplan an der Wand oder auf dem Tisch, den Sie morgens kurz durchgehen: Sonne für den Morgen, Brötchen für die Pause, Buch für den Unterricht.
- Feste Zeichen für Übergänge, etwa ein Handzeichen oder immer dasselbe Lied vor dem Aufräumen.
- Änderungen vorher zeigen, mit Bild, Geste oder über den Paten: „Heute keine Mathe, heute Sport.“
- Ein Rückzugsplatz und eine Stoppkarte, die das Kind hochhalten darf, wenn es zu viel wird. Die Nutzung wird nie bestraft.
- Ein oder zwei Paten, die zur Pause mitnehmen und den Weg zur Toilette zeigen. Sie sind keine Dolmetscher und keine Aufpasser, und sie wechseln, damit keiner überfordert wird.
Wie fördern Sie Sprache, ohne Druck zu machen?
Sie müssen keine DaZ-Fachkraft sein, um wirksam Sprache zu fördern. Das meiste passiert nebenbei. Benennen Sie, was Sie tun: „Ich verteile jetzt die Hefte. Heft. Hier ist dein Heft.“ Sprechen Sie langsam in kurzen, ganzen Sätzen, nicht in Babysprache. Wiederholen Sie viel und koppeln Sie jedes Wort an etwas, das man sehen oder anfassen kann. Wiederholung entlastet ein Kind, das gerade sehr viel Neues auf einmal verarbeitet.
Erlauben Sie das Schweigen. Manche Kinder sprechen zu Beginn wenig, obwohl sie schon vieles verstehen. Drängen Sie nicht, bieten Sie aber täglich Gelegenheiten zum Mitmachen: zeigen, nicken, im Chor mitsprechen. Hält das Schweigen ungewöhnlich lange an oder verständigt sich das Kind auch in seiner Erstsprache kaum, sprechen Sie früh mit den Eltern über eine fachliche Abklärung. Rechnen Sie zudem mit zwei Geschwindigkeiten: Die Sprache des Schulhofs kommt oft erstaunlich schnell. Die Sprache, in der man Textaufgaben und Sachtexte versteht, braucht meist Jahre. Wer das verwechselt, hält ein Kind, das in der Pause flüssig plappert, im Unterricht zu Unrecht für faul.
Die Erstsprache ist das Fundament, nicht das Hindernis. Lassen Sie zu, dass zwei Kinder in ihrer gemeinsamen Sprache sprechen, und ermutigen Sie Eltern ausdrücklich, zu Hause in ihrer Sprache vorzulesen und zu erzählen. Der alte Rat „Sprechen Sie zu Hause Deutsch“ hilft nicht. Für wichtige Elterngespräche bleibt trotzdem eine professionelle Sprachmittlung nötig, nie das Kind.
Was müssen Sie wissen, und wen fragen Sie?
Für den Schulalltag brauchen Sie einige praktische Angaben: wie der Name richtig ausgesprochen wird, ob es Allergien oder Erkrankungen gibt, wer das Kind abholt und wer erreichbar ist, ob Geschwister an der Schule sind. Diese Fragen sind berechtigt. Sie gehören aber an die Eltern oder Begleitpersonen, vermittelt über eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher, und an Schulleitung oder zuweisende Stelle, nicht an das Kind.
Ein Satz für das Elterngespräch: „Erzählen Sie mir nur, was Sie für wichtig halten, damit es Ihrem Kind in der Schule gut geht. Sie müssen mir nichts erzählen, was Sie nicht erzählen möchten.“ Das Kind selbst fragen Sie nicht nach Herkunft, Fluchtweg oder Verlusten, auch nicht aus Mitgefühl. Erzählt es von sich aus, hören Sie ruhig zu, spiegeln das Gefühl („Das klingt, als wäre das sehr schwer gewesen. Du bist jetzt hier in Sicherheit.“) und lenken sanft zurück in den Alltag.
Woran messen Sie Fortschritt?
Messen Sie das Kind an sich selbst von vor vier Wochen, nicht an der Klasse. Schreiben Sie kleine Schritte auf, sonst gehen sie unter: „versteht einfache Aufforderungen“, „spricht in der Pause drei Wörter Deutsch“, „bleibt im Stuhlkreis sitzen“. Sagen Sie es dem Kind mit Worten und Gesten: „Schau, das konntest du noch nicht. Jetzt kannst du es.“ Bauen Sie Aufgaben ein, die es sicher schafft, auch solche ohne Sprache wie Zählen mit Gegenständen oder Malen.
Rückschritte gehören dazu. Ein Wort, das gestern saß, kann heute weg sein, weil die Nacht schlecht war oder zu Hause etwas vorgefallen ist. Bleibt der Fortschritt dagegen über Monate trotz Ruhe, Geduld und Alltagssprache fast ganz aus, kann mehr dahinterstecken: anhaltende Belastung, eine nicht erkannte Hör- oder Sehschwäche oder eine Lernstörung. Das klären nicht Sie. Sprechen Sie mit den Eltern und holen Sie Beratungslehrkraft oder schulpsychologischen Dienst dazu.
Vorbereitungsklasse oder Regelklasse: Was ist besser?
Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Je nach Bundesland und Schulkonzept beginnen neu zugewanderte Kinder in einer Regelklasse mit zusätzlicher Deutschförderung, in einer eigenen Lerngruppe wie einer Vorbereitungs- oder Willkommensklasse oder in einer Mischform. Eine bundesweit einheitliche Höchstdauer gibt es nicht. Der Sachverständigenrat für Integration und Migration stellte 2018 fest, dass es kaum wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse darüber gab, wie neu zugewanderte Jugendliche am besten unterrichtet werden (SVR 2018). Die Gruppe ist groß: Allein aus der Ukraine werden nach den Meldungen der Länder rund 228.000 Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen unterrichtet (KMK, 1. Quartal 2026).
Wie die Erstförderung organisiert ist, regelt das Landesrecht. In Nordrhein-Westfalen etwa lernen neu Zugewanderte je nach Schule in innerer, teilweise oder vollständig äußerer Differenzierung (BASS 13-63 Nr. 3, Nr. 3.2), und der Erlass nennt das Sprachniveau B1 als Ziel der Deutschförderung. Wer noch keinem Bildungsgang zugeordnet ist, bekommt statt eines Zeugnisses einen Lernstandsbericht (BASS 13-63 Nr. 3, Nr. 2.3 und 6.1). In Österreich werden schulpflichtige Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen nach einer standardisierten Testung als außerordentliche Schüler aufgenommen (§ 4 Abs. 2 lit. a und Abs. 2a SchUG) und in Deutschförderklassen oder -kursen gefördert (§ 8h SchOG). In der Schweiz regeln die Kantone die Aufnahme. Stand der Rechtsangaben: Oktober 2026.
Auf die Organisationsform haben Sie selten Einfluss, auf das, was in Ihrem Raum geschieht, sehr viel. Entscheidend ist, ob sich das Kind sicher fühlt, Anschluss an andere Kinder findet und ob der Übergang in die Regelklasse begleitet wird, statt es eines Tages einfach hinüberzuschicken. Fragen Sie deshalb nach, wer den Wechsel begleitet, und vereinbaren Sie mit der Lehrkraft der Vorbereitungsklasse, was das Kind schon kann und was ihm hilft.
Weitere Fragen zum Thema Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung
Quellen
- Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR): Bildungsintegration von Flüchtlingen. Herausforderungen in segregierten Schulen (2018)
- Kultusministerkonferenz (KMK): Auswertung geflüchtete Kinder/Jugendliche aus der Ukraine, 1. Quartal 2026 (2026)
- Ministerium für Schule und Bildung NRW: Integration und Deutschförderung neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler, Runderlass vom 15.10.2018 (BASS 13-63 Nr. 3)
- Ministerium für Schule und Bildung NRW: Erste Änderung des Runderlasses BASS 13-63 Nr. 3 vom 6.12.2023
- Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), Österreich: Schulunterrichtsgesetz (SchUG), § 4
- Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), Österreich: Schulorganisationsgesetz (SchOG), § 8h