Katharina BergPraxis-Handbücher für Lehrkräfte
← Alle Ratgeber
Ratgeber

Burnout bei Lehrern: Woran erkenne ich es?

Selbst erkennen lässt sich Burnout nicht sicher. Die WHO beschreibt es als berufsbezogenes Phänomen mit drei Merkmalen: Erschöpfung, innere Distanz zur Arbeit und das Gefühl, wenig zu bewirken. Hält die Erschöpfung über Wochen an, auch am Wochenende und in den Ferien, gehört sie in die Hausarztpraxis. Bei Gedanken an Suizid rufen Sie sofort die TelefonSeelsorge oder den Notruf an.

Was genau ist mit Burnout gemeint?

Die Weltgesundheitsorganisation führt Burnout in der ICD-11 unter dem Code QD85. Sie beschreibt es als Syndrom, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz entsteht, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Drei Merkmale gehören dazu: ein Gefühl von Erschöpfung, eine wachsende innere Distanz zur Arbeit, oft mit Zynismus, und das Gefühl, beruflich weniger zu bewirken. Ausdrücklich stellt die WHO klar, dass Burnout keine medizinische Erkrankung ist und der Begriff nur für den Arbeitskontext gilt. Unter Fachleuten ist der Begriff umstritten. Eine Übersichtsarbeit von Hillert, Albrecht und Voderholzer (2020) zählt mehr als 140 Definitionen. Modelle, nach denen Burnout in festen Phasen verläuft, ließen sich empirisch nicht bestätigen. Das Kernmerkmal Erschöpfung ist zudem unspezifisch und kann viele Ursachen haben.

Ernst zu nehmen ist es trotzdem. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, die ärztliche Leitlinie in Deutschland, ordnet Burnout nicht als eigene Krankheit ein. Sie weist aber darauf hin, dass Burnout-ähnliche Beschwerden ein Hinweis auf eine zugrunde liegende Depression sein können. Von innen lässt sich das kaum unterscheiden, zumal Lehrkräfte geübt darin sind, auch an schlechten Tagen vor einer Klasse zu funktionieren.

Wie zeigen sich die drei Merkmale im Schulalltag?

Die Erschöpfung ist meist das Erste, was auffällt: Nach dem Unterricht bleibt nur noch das Sofa, und nach den Ferien sind Sie so müde wie vorher. Die innere Distanz klingt manchmal wie ein halber Satz beim Abheften: „Ist doch egal, was ich vorbereite.“ Das dritte Merkmal zeigt sich als Eindruck, eine ganze Unterrichtsreihe sei ohne Spur geblieben, obwohl die Klasse gut mitgearbeitet hat.

Wenn eine Kollegin im Lehrerzimmer sagt „Ich glaub, ich hab Burnout“, hilft eine einfache Frage weiter: „Seit wann geht das so?“ Darauf lässt sich nur mit Einzelheiten antworten, mit einer Vertretung, die seit Wochen läuft, oder mit einer Klasse, die jede Stunde alle Kraft kostet. Ob Burnout das richtige Wort ist, kann im Lehrerzimmer niemand beurteilen, auch die Betroffene selbst nicht.

Welche Anzeichen gehören in die Arztpraxis?

Trifft eines der folgenden Zeichen auf Sie zu, ist das ein Grund, in den nächsten Tagen einen Termin bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt zu machen. Die Liste stellt keine Diagnose. Sie zeigt nur, wann jemand von außen draufschauen sollte.

  • Gedanken an Suizid oder der Wunsch, nicht mehr da zu sein. Dann rufen Sie außerdem sofort die TelefonSeelsorge an (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222), bei akuter Gefahr die 112.
  • Seit zwei Wochen oder länger niedergeschlagen oder ohne Interesse an Dingen und Menschen, die Ihnen sonst wichtig sind.
  • Anhaltende Kraftlosigkeit, die sich auch am Wochenende und in den Ferien nicht bessert.
  • Schlechter Schlaf über längere Zeit, etwa morgens viel zu früh wach und sofort mit den Gedanken bei der Arbeit.
  • Alkohol, Medikamente oder andere Substanzen, um durchzuhalten.
  • Körperliche Beschwerden wie Magen-, Rücken- oder Kopfschmerzen, die nie ärztlich abgeklärt wurden.
  • Kleine Aufgaben wie eine Mail oder ein Rückruf bleiben tagelang liegen, Stunden, die früher Routine waren, kosten alle Kraft.

Warum helfen Burnout-Tests aus dem Netz nicht weiter?

Viele Checklisten rechnen nach zwanzig Fragen eine Punktzahl aus und weisen Ihnen eine Stufe oder Phase zu. Solche festen Burnout-Phasen ließen sich empirisch nicht bestätigen. Wissenschaftlich geprüfte Fragebögen sind davon zu unterscheiden, doch auch deren Punktwert stellt keine Diagnose. Er schließt weder eine Depression noch körperliche Ursachen aus und ersetzt nicht das Gespräch in einer Praxis, in der beides abgeklärt werden kann.

Hilfreicher ist ein Blatt ohne Punkte: Schreiben Sie vier bis sieben Dinge auf, die in einer gewöhnlichen Woche schwer waren, so konkret wie möglich. Markieren Sie jede Zeile mit „kann ich ändern“, „kann ich mit anderen beeinflussen“ oder „kann ich nicht ändern“. Das Blatt diagnostiziert nichts. Es zeigt aber, wie viel von der Last aus der Struktur kommt, und es taugt als Unterlage für das Gespräch mit der Schulleitung oder für den Arzttermin.

Wie verbreitet ist Erschöpfung unter Lehrkräften?

Im Deutschen Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung, einer repräsentativen Befragung von Lehrkräften Ende 2025, gaben 24 % an, sich mehrmals pro Woche durch ihre Arbeit erschöpft zu fühlen, 12 % täglich. Ein Jahr zuvor waren es 24 und 10 %. Gleichzeitig sind 83 % mit ihrem Beruf zufrieden, und 28 % würden ihn wechseln, wenn sich die Möglichkeit böte. Lehrkräfte unter 40 berichten höhere Burnout-Symptome als Lehrkräfte über 60.

Auch Schulleitungen sehen eine Zunahme. In einer repräsentativen forsa-Befragung für den Verband Bildung und Erziehung (VBE) im Herbst 2023 sagten 60 % der Schulleiterinnen und Schulleiter, die Zahl der Lehrkräfte, die wegen psychischer Erkrankungen langfristig ausfallen, habe in den letzten Jahren zugenommen. 2019 waren es 37 %. Das ist ihre Einschätzung, gezählt wurden Krankmeldungen dafür nicht. Alle diese Werte sind Selbstauskünfte. Sie sagen, wie viele sich erschöpft fühlen, nicht, wie viele krank sind. Für die Frage, ob bei Ihnen mehr dahintersteckt, gibt eine Statistik keine Antwort, die Praxis schon.

Wohin können Sie sich wenden?

Der erste Weg führt zur Hausärztin oder zum Hausarzt. Sagen Sie am Telefon: „Mir geht es seit Wochen schlecht, und ich brauche bald einen Termin.“ Ist die Praxis geschlossen, erreichen Sie in Deutschland unter 116 117 den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Viele Lehrkräfte sind verbeamtet und privat versichert. Sie fragen in der Praxis nach Adressen für Psychotherapie und rufen am besten bei mehreren Praxen in derselben Woche an.

In vielen Ländern berät die Schulpsychologie nicht nur Schüler und Eltern, sondern auch Lehrkräfte, vertraulich und kostenfrei. Wer bei Ihnen zuständig ist, weiß die Schulleitung oder der Personalrat. Für Beamtinnen und Beamte gilt die Fürsorgepflicht des Dienstherrn nach § 45 BeamtStG. Nach mehr als sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit innerhalb eines Jahres sieht § 167 Abs. 2 SGB IX das Betriebliche Eingliederungsmanagement vor, freiwillig und auf Wunsch mit einer Vertrauensperson. In Österreich erreichen Sie die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143. In beiden Ländern ist die Hausarztpraxis ebenfalls ein guter erster Schritt, und die Schulpsychologie oder Beratungsangebote für Lehrpersonen nennt Ihnen die Direktion beziehungsweise die Schulleitung.

Was tun, wenn Sie sich um eine Kollegin sorgen?

Sprechen Sie sie an, wenn niemand sonst zuhört, nach einer Konferenz oder im leeren Lehrerzimmer. Benennen Sie, was Sie beobachtet haben, ohne zu deuten: „Du isst seit drei Wochen allein im Vorbereitungsraum. Was ist los?“ Auf ein „passt schon“ darf eine zweite Frage folgen. Sie müssen dabei nichts lösen und keine Diagnose stellen. Es reicht, dass jemand bemerkt hat, was los ist, und nachfragt, ob schon ein Arzttermin steht.

Viele trauen sich nicht, nach Suizidgedanken zu fragen, aus Sorge, sie könnten jemanden erst darauf bringen. Nach dem Forschungsstand, den die ärztliche Leitlinie zusammenfasst, löst die Frage solche Gedanken nicht aus. Sie können direkt fragen: „Denkst du manchmal daran, nicht mehr da sein zu wollen?“ Bleiben Sie, bis die Kollegin in der Praxis angerufen hat, oder schreiben Sie ihr die Nummer der TelefonSeelsorge auf, bevor Sie gehen. Bei akuter Gefahr wählen Sie die 112 und lassen sie nicht allein, bis Hilfe da ist oder jemand anderes bei ihr bleibt. Für Sie selbst gilt danach dasselbe wie für jede belastende Situation: Sprechen Sie mit jemandem darüber.

Vorbeugen lässt sich vor allem auf zwei Ebenen: bei dem, was Sie selbst ändern können, und bei dem, was die Schulleitung entscheiden muss. Welche Methoden gegen Stress belegt sind, steht auf der Seite „Stress als Lehrer reduzieren“. Wenn die Arbeit dauerhaft nicht mehr zu schaffen ist, kann eine Überlastungsanzeige der nächste Schritt sein.

Weitere Fragen zum Thema Stress und Belastung

Quellen