Katharina BergPraxis-Handbücher für Lehrkräfte
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Unterrichtsstörungen: Was tun, wenn ein Schüler stört?

Reagieren Sie gestuft und möglichst leise: erst Blick, dann Geste, dann Nähe, dann Name plus Aufgabe, erst zuletzt eine angekündigte Konsequenz. Öffentliches Schimpfen gibt dem Störer die Bühne, die er sucht. Geben Sie ihm Aufmerksamkeit, bevor er stört, beachten Sie das Mitmachen und übergehen Sie harmloses Kleinklein bewusst. Hält das Stören über Monate an, beziehen Sie Eltern und Beratung ein.

Warum stört ein Schüler ständig?

Nicht der seltene große Ausbruch kostet die meiste Unterrichtszeit, sondern das Dauer-Kleinstören: Reinrufen, Kippeln, Geräusche, das Mäppchen, das zum dritten Mal herunterfällt. Jede Störung dauert Sekunden und reißt doch einen Faden, den gerade alle gespannt hatten. Der Dauerstörer ist dabei selten böse. Er hat herausgefunden, wie er zuverlässig Aufmerksamkeit bekommt.

Sitzt er still, bekommt er von Ihnen bei fünfundzwanzig Kindern oft gar nichts. Ruft er rein, dreht sich der ganze Raum zu ihm. Ihr „Tom, jetzt ist Schluss!“ ist für ihn keine Strafe, sondern ein Treffer, denn negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit. Beim Klassenclown kommt das Lachen der Mitschüler als zweite Belohnung dazu. Manche Kinder können ihre Impulse schlicht noch nicht steuern. Die folgenden Strategien helfen in beiden Fällen, weil sie nicht beschämen.

Wie verbreitet das Problem ist, zeigt das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung: 2025 nannten 42 % der Lehrkräfte das Verhalten der Schüler und Schülerinnen als größte Herausforderung im Beruf, an Haupt-, Real- und Gesamtschulen etwa jede zweite Lehrkraft (52 %). In der Befragung von Ende 2025 stieg der Anteil insgesamt auf 46 %.

Welche Reaktionen machen es schlimmer?

Drei Fallen füttern das Stören zuverlässig. Die erste ist der Machtkampf: „Du gehst raus.“ – „Ich hab doch gar nichts gemacht!“ – „Doch, und das weißt du genau.“ Jetzt verhandeln Sie vor Publikum über Schuld, und der Schüler bestimmt das Geschehen. Die zweite ist das Publikum selbst: „Tom, dreh dich um!“, und alle drehen sich zu Tom. Mit einem Satz haben Sie ihm die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse geschenkt.

Die dritte Falle ist die Daueransprache. Wer in einer Stunde fünfundzwanzigmal „Tom“ sagt, stellt Tom fünfundzwanzigmal in den Mittelpunkt und hat seinen Namen entwertet, bevor es ernst wird. Der gemeinsame Nenner: Je lauter, öffentlicher und länger Ihre Reaktion, desto besser zahlt sich das Stören aus. Die Gegenmittel sind deshalb privat statt öffentlich, nonverbal statt verbal, kurz statt verhandelnd und gestuft statt sofort eskaliert.

Wie reagieren Sie gestuft?

Gewöhnen Sie sich eine feste Reihenfolge an, von unsichtbar zu deutlich. Steigen Sie so weit unten ein wie möglich und klettern Sie nur so hoch wie nötig. Der größte Teil der kleinen Störungen erledigt sich auf den ersten drei Stufen, wortlos und ohne dass der Unterricht stockt.

  • Blick: den Blick des Schülers fangen, kurz halten, einmal ruhig den Kopf schütteln.
  • Geste: ein vereinbartes Zeichen, etwa flache Hand für „warte, melde dich“ oder Tippen auf die Aufgabe.
  • Nähe: weiterreden und dabei an den Tisch gehen. Ihre Präsenz beruhigt viele Störungen ohne ein Wort.
  • Name plus Aufgabe: nicht „Tom!“, sondern „Tom, Aufgabe drei.“
  • Leise Ansage im Vorbeigehen: „Melden, dann nehme ich dich dran.“ Eine Aussage, keine Verhandlung.
  • Angekündigte Konsequenz: ruhig, vorher bekannt, ohne Drohton.

Wie drehen Sie die Aufmerksamkeit um?

Geben Sie Aufmerksamkeit, bevor der Schüler sie sich auf die alte Weise holt. Ein kurzer Gang zu seinem Tisch zu Stundenbeginn, ein Wort, ein Blick: Die erste Münze ist ausgezahlt, bevor sich das Stören lohnen muss. Erwischen Sie ihn danach beim Richtigen. Meldet er sich, statt reinzurufen, gehen Sie sofort darauf ein: „Danke, dass du dich gemeldet hast, Tom. Was wolltest du sagen?“ Loben Sie konkret und beiläufig, nicht mit großer Show.

Übergehen Sie Kleines bewusst. Ruft Tom eine Antwort rein, nehmen Sie ein Kind dran, das sich gemeldet hat: „Danke, Mia, du hattest die Hand oben.“ Tom lernt, dass Reinrufen nichts bringt und Melden schon. Die Grenze ist klar: Was andere verletzt, ausgrenzt oder den Unterricht wirklich sprengt, sprechen Sie an.

Geben Sie dem Störer eine echte Bühne statt der Störbühne: austeilen, Zeitwächter sein, vorlesen, in der Grundschule auch eine verabredete kleine Vorführung am Freitag. Vergeben Sie die Rolle in einer ruhigen Minute, nie im Moment des Störens. Ein Satz im Vorbeigehen wirkt oft: „Ich brauche deine Stimme gleich beim Vorlesen, heb sie dir auf.“ Rechnen Sie damit, dass es in den ersten Tagen schlimmer wird, weil der Schüler testet, ob die alte Währung noch gilt.

Was tun, wenn er Sie vor der Klasse provoziert?

An weiterführenden Schulen wird aus Stören schnell offene Provokation: „Das mach ich nicht. Können Sie mir gar nicht vorschreiben.“ Das ist eine Einladung zum Machtkampf, und den verlieren Sie, ob Sie sich mit Druck durchsetzen oder nachgeben. Der dritte Weg ist, die Einladung nicht anzunehmen. Atmen Sie einmal lang aus, bevor Sie sprechen, und fragen Sie sich kurz: Geht es um Status, testet er eine Grenze, oder ist er überfordert?

Dann wählen Sie aus einem Repertoire. Eine Ich-Botschaft nimmt die Spitze: „Mir ist wichtig, dass wir hier ordentlich miteinander reden.“ Eine echte Wahl gibt Autonomie zurück. Die kaputte Schallplatte beendet Diskussionen: „Nach der Stunde. Jetzt setz dich.“, gleiche Tonlage, beliebig oft. Und eine goldene Brücke lässt ihm den Rückzug mit Gesicht: „Da hast du nicht ganz unrecht. Reden wir nachher drüber, jetzt machen wir weiter.“

Verändert wird das Muster danach, im Gespräch unter vier Augen: „Vorhin, was war da los?“ Oft steckt eine nicht verstandene Aufgabe dahinter, die er vor allen nicht zugeben wollte. Prüfen Sie dabei ehrlich auch den eigenen Anteil, etwa eine zähe Phase oder eine unklare Aufgabe. Sarkasmus, leere Drohungen und das Aufrufen der Klasse als Zeugen garantieren dagegen die nächste Runde.

Welche Maßnahmen sind schulrechtlich erlaubt?

Die Schulgesetze der Länder unterscheiden pädagogische Maßnahmen, die Sie selbst treffen, von förmlichen Ordnungsmaßnahmen. In Nordrhein-Westfalen gehören nach § 53 Abs. 2 SchulG NRW unter anderem die Ermahnung, die mündliche oder schriftliche Missbilligung, die zeitweise Wegnahme von Gegenständen und auch der Ausschluss von der laufenden Unterrichtsstunde zu den erzieherischen Einwirkungen. Ordnungsmaßnahmen wie der schriftliche Verweis sind nach § 53 Abs. 1 nur zulässig, wenn erzieherische Einwirkungen nicht ausreichen, und es gilt der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

Zwei Grenzen gelten unabhängig vom Land. Wer einen Schüler vor die Tür schickt, bleibt für ihn aufsichtspflichtig. Besser ist eine Lösung, die Ihre Schule vorher verabredet hat, etwa ein Platz in der Nachbarklasse. Und Sammelstrafen sind tabu: Nach § 53 Abs. 1 SchulG NRW sind Einwirkungen gegen mehrere Schüler nur zulässig, wenn das Fehlverhalten jedem Einzelnen zuzurechnen ist. „Die ganze Reihe schreibt nach“, weil einer gestört hat, fällt nicht darunter. Prüfen Sie die Regeln Ihres Landes, sie unterscheiden sich in Begriffen, Katalog und Zuständigkeit. In Österreich und der Schweiz gelten eigene Schulordnungen, die Direktion beziehungsweise die Schulleitung kennt sie. Stand der Rechtsangaben: Oktober 2026.

Wann reicht Klassenführung nicht mehr aus?

Stören und Kaspern sind anstrengend, gehören aber zum normalen Schulalltag, gerade in der Grundschule, wo Kinder ihre Impulse erst steuern lernen. Kommt ein Kind dagegen über Monate in keiner Stunde zur Ruhe, springt trotz aller Umlenkung ständig auf und fällt das auch zu Hause und in der Freizeit auf, kann mehr dahinterstecken. Die Diagnose stellen nicht Sie. Ihre Aufgabe ist, es nicht zu übersehen.

Halten Sie eine Woche lang fest, wann Sie dem Schüler Aufmerksamkeit geben: beim Stören oder beim Mitmachen. Viele Lehrkräfte erschrecken über das Ergebnis, und genau dort setzt die Veränderung an. Bringt das nach einigen Wochen nichts, suchen Sie das Gespräch mit den Eltern und holen Schulsozialarbeit, Beratungslehrkraft oder Schulpsychologie dazu. Beschreiben Sie, was Sie beobachten, statt ein Etikett zu vergeben.

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Quellen